Ein ganz normaler Tag in Aung Myae Oo

Tagebucheintrag vom 11. August 2015

Wie jeden Morgen werden wir um 5.30 geweckt: Nicht etwa von unserem Wecker, sondern vom Lärm diverser Kinder, die irgendwo neben unserer Unterkunft lautstark ihren Schulstoff am auswendig lernen sind. Fast schreiend wiederholen sie immer wieder Chemieformeln, Englisch-Vokabeln oder mathematische Gesetze – so wird wohl nur in Myanmar gelernt!

Wir nutzen die „Frische des Morgens“ und unternehmen einen Spaziergang zwischen den unzähligen Klöstern von Sagaing Hill hin zu unserer Lieblingspagode. Auf dem Weg treffen wir immer wieder buddhistische Mönche jeden Alters an, die auf ihrer täglichen Betteltour nach Essen fragen. Ihr Tag hat schon lange vor unserem begonnen.

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Um 7 Uhr beginnt der Englisch-Unterricht für die Lehrpersonen. Obwohl ihre Arbeit erst um 8.30 beginnt, kommen sie bereits um 7 Uhr freiwillig zur Schule, um von unseren Englisch-Lektionen zu profitieren. Es gibt wohl keine andere so dankbare Aufgabe wie diese äusserst motivierten und eifrigen Lehrpersonen zu unterrichten.

Nach einem kurzen Frühstück – wir haben aus Australien Milchpulver und Müesli mitgebracht – stehen wir wieder vor Schulklassen. Dieses Mal sind es etwa 80 Kinder im Primarschulalter, denen wir in stickigen und überfüllten Schulzimmern einige Sätze Englisch beibringen. Leider ist dieser Unterricht mehr Unterhaltung als echtes Lernen für die Kinder – bei so grossen Klassen und fehlendem Unterrichtsmaterial ist es für uns unmöglich, richtigen Unterricht abzuhalten. Dennoch macht es Spass – und vielleicht werden genau durch diese Kontakte die Kinder ermutigt, noch mehr Englsich zu lernen.

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Wir beobachten immer wieder, wie Schülerinnen und Schüler vor ihren Klassenzimmern oder auf den Treppen sitzen und dem Unterricht lauschen, weil sie drinnen keinen Platz mehr haben. Es ist wirklich heiss – geschätzte 37 Grad. Wir fragen uns, wie man so überhaupt etwas lernen kann!

Aus allen Schulzimmern hört man Kinder im Chor laut schreien. Unterricht in Myanmar bedeutet: Der Lehrer spricht etwas vor, und die Schüler wiederholen (schreien!) genau seine Worte nach, ohne zu überlegen oder hinterfragen, was überhaupt gesagt wurde. Selber zu denken oder kritisch zu fragen gehört nicht in die Schulstube – anscheinend nicht einmal an den Universitäten.

Anfangs haben wir diese Art von Unterricht kritisiert – aber wenn man kritisiert, sollte man auch einen Verbesserungsvorschlag haben. Und den haben wir nicht. Wir haben wirklich keine andere Idee, wie man 80 Kinder unter diesen Verhältnissen besser unterrichten könnte…

Es ist 11 Uhr. Eine kleine Touristengruppe schaut sich interessiert auf dem Schulgelände um. Wir gehen auf sie zu und informieren sie über die Schule und das Leben im Kloster. Wie immer fotografieren sie euphorisch die unzähligen kleinen Mönche und Nonnen, die fröhlich auf dem Schulgelände herumrennen und sie mit Blumen und breitem Grinsen begrüssen. Können sie sich wohl vorstellen, welche Schicksale diese so glücklich wirkenden Kinder erlebt haben?

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Wir haben Pasta (die wir aus Thailand mitgebracht haben) mit Tomatensauce gekocht zum Mittagessen: Da Vero schwanger ist, müssen wir mit der Ernährung besonders vorsichtig sein. Wir haben Nilar, eine Lehrerkollegin, zum Essen eingeladen. Sie probiert zum ersten Mal in ihrem Leben Pasta. In Myanmar wird normalerweise drei Mal täglich Reis gegessen.

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Die Hitze in unserem Zimmer ist erdrückend. Wir machen eine kurze Siesta – arbeiten ist für uns unter diesen Bedingungen unmöglich. Eigentlich ist es Regenzeit, aber Regen haben wir seit Tagen nicht mehr gesehen…

Wir führen Gespräche mit Freunden der Schule, um unsere HEFT-Foundation zu etablieren. Es benötigt extrem viel Zeit, die Bedingungen und Strukturen dafür aufzubauen. Nur schon um ein internationales Bankkonto zu eröffnen mussten wir insgesamt 8 Banken besuchen und unzählige Telefonate führen. Wir sind aber überzeugt, dass sich diese Arbeit auf jeden Fall lohnt – nur so können wir die Schule längerfristig wirklich unterstützen.

In unserem Zimmer erteilen wir jungen Studenten Englischunterricht. Zwei kleine Nonnen und eine Schülerin klopfen an die Türe. Sie schenken uns drei Früchte und blinzeln immer wieder neugierig in unser Zimmer rein. Ausser „Hello how are you“ können sie kein Englisch sprechen. Dafür lächeln und grinsen sie ununterbrochen. Noch mehrere Male besuchen sie uns an diesem Nachmittag. Wie jeden Tag schaut gegen 17 Uhr auch „Dong Dong“, unser kleiner Mönch-Freund vorbei, und schenkt Vero wie immer einen Blumenkranz.

Nach dem Abendessen beginnt um 19 Uhr wieder der Englischunterricht für die Lehrpersonen. Die meisten haben den ganzen Tag unterrichtet, und einige müssen nach der Stunde, also von 20 – 23 Uhr, nochmals zu ihren Klassen gehen. Doch das scheint sie nicht zu stören: Sie nehmen motiviert und diszipliniert am Unterricht teil und sind überglücklich und dankbar, dass Sie mit uns Englisch lernen dürfen. Es ist einfach unglaublich, wie engagiert diese Lehrpersonen sind und sich voll in den Dienst der Schule stellen!

English for the teachers

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Um 21 Uhr schaut der Mönch „Ponchi“, der Schulleiter, bei uns vorbei. „Habt ihr schon gegessen?“, begrüsst er uns lächelnd. Wir sprechen mit ihm über die Zukunftspläne der Schule, unsere Ideen und Ziele. Diese Sitzungen mit „Ponchi“ sind sehr effizient. Er ist offen und dankbar für unsere Vorschläge und Sichtweisen. Wir sind zuversichtlich, unser Abfall-Projekt (mit dem Ziel, die Schule sauber zu halten), schon bald umsetzen zu können. (Siehe Artikel „zum dritten Mal in Myanmar.“)

Es ist 23 Uhr. Noch immer wird im Schulzimmer neben unserer Unterkunft unterrichtet. Unglaublich, wie 12-jährige Kinder um diese Zeit noch Biologie lernen können… Und zu den gleichen Geräuschen, die uns am Morgen aufgeweckt haben, schlafen wir ein: Kinder und Jugendliche, die schreiend ihren Unterrichtsstoff auswendig lernen und am nächsten Morgen wieder vor uns wach sein werden.

So vieles ist an diesem Tag passiert, so vieles durften wir erleben, so vieles haben wir gelernt und erfahren… und doch ist es nur ein ganz normaler Tag für uns an „unserer“ Schule Aung Myae Oo in Myanmar.

Mehr Fotos im Menu „Fotos Asien / Myanmar 3“

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