Zu Besuch im grössten indischen Slum

Zu Besuch im grössten indischen Slum

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Über Erfreuliches, Abscheuliches, Vorurteile und die Realität

Indien ist bekannt für seinen extremen Kontrast zwischen Arm und Reich. Dieser wiederspiegelt sich besonders gut in Mumbai: Zum einen steht in dieser Stadt das grösste Einfamilienhaus der Welt (angeblich 6 Bewohner und weit über 100 Angestellte), zum anderen befindet sich hier der mit geschätzten 1.5 Mio Einwohnern grösste Slum Indiens. Spätestens seit dem Oscar-preisgekrönten Film „Slum Dog Millionaire“ ist diese Armensiedlung für viele ein Begriff. Da wir ja nicht bloss die Sonnenseite einer Stadt entdecken wollen, sondern immer auf der Suche nach dem Authentischen sind, suchten wir einen Guide, der uns durch Dharavi, das Armenviertel dieser Stadt, führen sollte.

Mit Khan, einem jungen Informatik-Studenten, trafen wir uns früh morgens am Bahnhof Mahim, dem Tor zu Dharavi. Khan ist selbst hier aufgewachsen und kennt die Verhältnisse bestens. Woran wir denken würden, wenn wir uns einen „Slum“ vorstellen, fragt er uns gleich nach der Begrüssung. Wir haben schon verschiedene Slums in Afrika und Südamerika gesehen, und antworten deshalb gleichzeitig: „Armut, Elend und viel Kriminalität!“ Khan winkt lachend ab: „Das denken alle – ich werde euch die Realität zeigen!“

Falsche Vorurteile

Die Realität überrascht uns! Anscheinend befinden sich eine erstaunlich grosse Anzahl kleiner und grosser Gewerbe mitten in Dharavi, die teilweise beachtliche Jahresumsätze erzielen. „Es gibt genug Arbeit für jeden, der arbeiten will!“, versichert unser Guide immer wider. „Niemand hat es hier nötig, zu betteln!“ Und er hat recht: Während den ganzen 2 Stunden, die wir in den Slums verbringen, werden wir kein einziges Mal nach Geld gefragt. Zu unserem grossen Erstaunen ist hier – ganz im Gegensatz zu südamerikanischen oder afrikanischen Slums – auch Gewalt und Kriminalität absolut kein Thema.

Erbärmliche Arbeitsbedingungen

Kahn führt uns durch verschiedene Betriebe und beschreibt uns die Arbeitsvorgänge. Wir besuchen eine Fabrikhalle in der Alu aus ganz Mumbai gesammelt, recyclet und weiterverarbeitet wird. Die Arbeitsbedingungen schockieren uns: Mit nackten Oberkörpern und ohne jegliche Schutzbekleidung gehen die Arbeiter ihrer Tätigkeit nach. Ein älterer Mann taucht grosse Metallstücke in ein Fass mit einer übel riechenden Chemielösung. Ohne Handschuhe. „Die Arbeitgeber stellen Schutzkleidung zur Verfügung – nur tragen will sie niemand, da sie am effizienten arbeiten hindere“, erklärt Khan. Unser nächster Halt ist eine „Fabrik“, in der Plastik wiederverwertet wird. In dunklen, schäbigen Schuppen sitzen Arbeiter, die brauchbare Plastikteile aus Abfallsäcken sortieren und mit einem Hammer zerkleinern. Spielzeuge, Plastikflaschen, Verpackungen… Einer von ihnen zieht einen halbvollen Kopierer-Toner aus dem Abfallhaufen vor ihm. Er steht auf und kippt den giftigen schwarzen Inhalt einfach in den Schlamm vor der Türe. Dann setzt er sich zurück auf den Boden, zerkleinert den leeren Behälter und wirft ihn zu den anderen brauchbaren Plastikabfällen auf einen Haufen. Wir sind froh, dass uns Khan per Mail extra noch empfohlen hat, dringend geschlossene Schuhe mitzubringen: Der ganze Dreck, der Schlamm, die endlosen Abfallberge über die wir laufen… es ist einfach nur eklig, und für uns unfassbar, dass Menschen so zwischen Müllhaufen leben können. „Alles nur halb so wild“, beschwichtigt Kahn. Die Menschen in Dharavi seien grösstenteils glücklich. Sie kennen nichts anderes, und wollen auch kein anderes Leben. Zudem sorgten die Arbeitgeber sehr gut für ihre Angestellten und deren Familien. „Nur die Jungen zieht es raus!“ Mit den „Jungen“ meint er natürlich auch sich selber. Sein Studium finanziert er sich mit dem Geld, das er bei den Führungen durch die Slums verdient. Eine Anstellung bei einer renommierten Software-Unternehmung ist sein Traum.

Echte Slum-Millionäre

In einem Holzschuppen werden Reisekoffer zusammengesetzt. Angeblich sei der Besitzer dieser Firma Millionär und habe ein Bankkonto in der Schweiz. Aber er ziehe es vor, bei seinen Leuten in den Slums zu wohnen, der Ort, in dem er gross geworden sei. In einer Bäckerei wird ein Süssgebäck zubereitet und verpackt. Beim Anblick der unhygienischen Zustände und dem stinkenden Abfall um uns herum ekelt uns nur schon der Gedanke, davon zu probieren. Khan lacht: „Eine Bäckerei in Mumbai lässt diese Süssigkeiten hier produzieren und verkauft sie unter eigenem Namen in der ganzen Stadt.“

Zufriedene Bewohner

Der wohl spannendste Teil unserer Slum-Tour war der Besuch der Wohnquartiere, wo die Einwohner auf engstem Raum auf- und nebeneinander leben. Abgesehen von den zahlreichen niedergekommenen Wohnblöcken, die das Viertel umgeben, gibt es viele einfache ein- oder zweistöckige Hütten und Häuser, die mit Wellblech bedeckt sind. Die Gassen zwischen den Häuserreihen sind so eng und niedrig, dass wir nur in geduckter Haltung durchmarschieren können. Nichts für Leute mit Platzangst. Ein beissender Geruch von Urin steigt uns in die Nase. Während wir durch Schlammpfützen und Schmutz waten, können wir immer wieder einen kurzen Blick in die spärlichen Wohnräume erhaschen. Zu unserer Überraschung entdecken wir in praktisch jedem Zimmer einen Fernseher. Einmal mehr wiederholt unser Guide, dass es er Mehrheit der Slum-Bewohner nicht so schlecht gehe, wie wir denken. Der Staat kümmere sich gut um dieses Stadtviertel, es gäbe überall fliessend Wasser sowie Schulen und medizinische Versorgung für alle. Irgendwie können wir Khan einfach nicht glauben, was er uns erzählt. Oder wollen wir die Realität, die so sehr abweicht von unseren Vorstellungen, einfach nicht wahrhaben?

Unsere Tour endet neben einer riesigen Müllhalde, mitten im Wohnquartier, auf der Ziegen, Hühner, Schweine und Hunde nach etwas Fressbarem suchen. Auf meine Frage, warum man nicht auch diesen Müll sortiert und in den Slum-eigenen Fabriken wiederverwertet, findet Khan keine Antwort.

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