Indien intensiv

Indien intensiv

 Zwei Tage Patient auf einer indischen Intensivstation

Es ist 3 Uhr nachts. Ich wache auf: heftige, pochende Schmerzen in der Brust. Atemnot. Ich friere, schlottere richtig. Vero liegt schlafend neben mir. Ich wecke sie auf. Sofort reicht sie mir das Fiebermeter: 38.2 Grad. Was ist geschehen? Noch vor wenigen Stunden sassen wir mit unseren Freunden Sebastian und Leah beim Abendessen, haben gescherzt und gelacht. Keine Spur einer Krankheit.

Ich spucke Blut – frisches, hellrotes Blut. Kein gutes Zeichen! Gegen 4 Uhr lässt das Fieber und die Schmerzen leicht nach – wir entscheiden uns, auf jeden Fall am nächsten Morgen ein Spital aufzusuchen.

Unsichere Diagnose

Ausgerüstet mit Büchern suchen mir das nächstgelegene Privatspital auf: Tags zuvor haben wir zufälligerweise die endlose Menschenschlange vor dem öffentlichen Spital gesehen. Das möchten wir uns auf keinen Fall antun. Wir stellen uns dennoch auf langes Warten ein, und sind umso überraschter, dass ich gleich von einem Arzt untersucht werde. Hat man mich als Tourist den Indern vorgezogen? Die beiden sofort angefertigten Röntgenbilder müssen cash bezahlt werden: Total US$ 3.50. Die Diagnose ist unklar. Deshalb werde ich nur wenige Minuten später zwecks weiterer Abklärungen im Rollstuhl auf die Intensivstation gefahren. Ich habe das Gefühl, mit mir wird ein schlechter Scherz gemacht! Sofort umringen unzählige Menschen mein Bett und möchten meine Krankheits-Geschichte hören. Sind es Ärzte? Pflegefachpersonal? Keine Ahnung! Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sich im Spital herumgesprochen hat, dass ein „weisser Tourist“ auf der Abteilung liegt, und alle möchten ihn nun sehen. Ich fühle mich den Umständen entsprechen gut, erzähle meine Geschichte und beantworte geduldig all die neugierigen Fragen. „Why are you here?“ „How do you like Kerala?“ „What is your country?“ Die Situation ist eigentlich ernst, mir geht es nicht gut, aber trotzdem bin ich zum Scherzen aufgelegt. „Ah, you are Swiss! Are you a Tennis Player?“, fragt mich ein junger Inder. „No, this is Roger Federer!“, antworte ich trocken. Langsam wird mir wieder bewusst, wo ich mich befinde. Der Rummel wird mir allmählich zu viel, und ich bin froh, dass Vero, Sebastian und Leah in der Nähe sind. Von Zeit zu Zeit darf ich sie kurz sehen. Dann werden sie weggeschickt – für mich beginnt eine endlose Odyssee von Untersuchungen. „Die haben alles getestet, was man an einem Menschen testen kann!“, wird mir Vero zwei Tage später (mit der Endabrechnung in der Hand) sagen. (Der Hauptverdacht war anscheinend eine Thrombose.) Für einen Untersuch werde ich sogar im Krankenauto in ein anderes Gebäude verlegt. Gottseidank ist Vero wieder dabei. Doch sie fühlt sich sichtlich unwohl: Die Ärzte sprechen nur mit ihr. Sie (und nicht ich!) muss für jeden Untersuch, für alle Risiken unterschreiben und einwilligen. Nach der letzten Untersuchung, einer äusserst unangenehmen Endoskopie, wird sie weggeschickt: „Besuchszeit vorbei!“ Keine weiteren Informationen.

Zorn und Erleichterung

Es ist 17 Uhr – ich bleibe alleine auf der Intensivstation zurück. Rund um mich herum das Surren und unregelmässige Pfeifen aller möglicher Geräte. Im Bett vor mir kotzt ein alter Inder in ein rotes Plastikbecken. Im Bett neben mir röchelt und stöhnt eine alte Frau unter Schmerzen. Die Ungewissheit über meinen Gesundheitszustand macht mir Angst. Habe ich womöglich einen Tumor in der Lunge? Ich fühle mich hilflos – und allein. Eine Spitalangestellte bringt mir vier trockene Scheiben Toastbrot. Lustlos kaue ich darauf rum – es gibt nichts anderes zu tun. Lesen wurde mir verboten. Warten, warten, warten… durch das Fenster am anderen Ende des Raumes erkenne ich, wie es allmählich dunkel wird. Ich bin unruhig. Und müde. Um mich herum wird viel gesprochen. Ich verstehe kein Wort. Zum ersten Mal fühle ich mich hier in Indien fremd. Irgendwann – ich schätze es ist 20 Uhr – kommt der Chefarzt mit den ausgewerteten Computer-Tomographie-Bildern an mein Bett. „Keine Sorge, es ist nur eine Lungenentzünung. Alles andere ist ok!“, lacht er mir zu. Ich bin erleichtert. Natürlich möchte ich sofort Vero anrufen, um ihr die „frohe Botschaft“ mitzuteilen. „Sorry Sir, phonecall not permitted!“, gibt mir die Krankenschwester dreimal zu verstehen. Ich bin wütend – ich weiss, dass sich Vero riesige Sorgen um mich macht. Die Krankenschwester bleibt stur – zornig, aber doch erleichtert, schlafe ich ein.

Um 7 Uhr werde ich am nächsten Morgen geweckt. Umziehen muss ich mich nicht – ich schlafe in den gleichen Kleidern, in denen ich tags zuvor eingeliefert wurde. Spitalkleider bekam ich keine, und als mir Vero am Vortag meine Sachen bringen wollte, wurde sie nicht mehr reingelassen.

Jodeln am Krankenbett

Rund ums Bett der alten Frau neben mir herrscht grosse Aufregung. Ich glaube, durch den Vorhang Pflegepersonal bei de Herzmassage zu erkennen. Während ich meine matschigen Cornflakes esse – so erfahre ich später – stirbt die Frau, nur einen Meter neben mir. Jedoch bin ich zu sehr mit mir selber beschäftigt, um das zu realisieren.

Erfreut sehe ich Vero durch die Türe auf mich zukommen. Zwar ist noch keine Besuchszeit, aber sie haben sie – nach zähen „südamerikanischen“ Verhandlungen – gottseidank reingelassen. Ich bin froh, ihr endlich erzählen zu können, dass ich „nur“ eine Lungenentzündung habe. Kurz darauf muss sie die Station wieder verlassen.

Der Chefarzt mit seiner zehnköpfigen Eskorte kommt an mein Bett. Wir sprechen über die Schweiz, über Skifahren und Jodeln. Voller Freude singt er mir das Lied „Edelweiss“ vor, das er vor zwei Jahren bei seinem Urlaub in der Schweiz kennen lernte. Nebenbei erwähnt er, dass ich am Abend das Spital verlassen dürfe. Er verschreibt mir starke Antibiotika – und natürlich Bettruhe.

Unverhältnismässige Kosten

Der Tag vergeht schleppend. Immer wieder kommen die beiden jungen Physiotherapeutinnen zu mir ans Bett zum plaudern. Ich freue mich über die Ablenkung. Noch nie hatte ich auf dieser Reise die Gelegenheit, über längere Zeit mit Inderinnen zu sprechen. Bei jedem Besuch werden die Gespräche tiefgründiger: Sie erzählen mir schockierendes über ihr Leben: Es sei Tradition, dass die Eltern (teilweise mit Annoncen in der Zeitung) für sie einen Mann aussuchen werden. Mitspracherecht haben sie keines. Sie erzählen von Zwangsheirat, Gewalt von Männern gegenüber Frauen, Unterdrückung… und von all den hässlichen Seiten Indiens, die man als Tourist nicht zu sehen kriegt. Sie hangen an meinen Lippen, als ich über die Schweiz und Europa erzähle. Noch nie sind sie weiter als 50 km von ihrem Wohnort gereist.

Es ist Abend: Endlich darf ich das Spital verlassen. Vero liest mir pikante Details aus meiner Leistungsabrechnung vor: Für die „Arbeit der Krankenschwestern“ während zwei Tagen wurden mir nur US$ 5 verrechnet. Das Essen (4 kleine Mahlzeiten) kostete 3 Mal mehr. Die Gesamtrechnung beläuft sich auf US$ 550 – also so viel Geld, wie eine Pflegefachfrau in Indien während knapp 3 Monaten Arbeit verdient.

Gute Noten fürs Spital

Entgegen unseren Befürchtungen war die Intensivstation mehrheitlich sauber und professionell – sie hat sogar den kritischen Anforderungen Veronicas standgehalten. Die Angehörigenbetreuung und Patienteninformation ist aber noch verbesserungswürdig. Wir haben aus dem ganzen Vorfall (einmal mehr) gelernt, wie rasch man – egal wo man sich befindet – auf der Intensivstation liegt und wie unerwartet plötzlich eine tolle Reise fertig sein könnte. Glück ist sehr schnell vergänglich. Einmal mehr ein Grund, um jeden Tag unserer Reise zu geniessen, dankbar sein und uns auf alles zu freuen, was wir noch erleben dürfen.

P.S: Echte Freunde sind goldwert! Vero, Leah & Sebastian: Danke für Eure Unterstützung!!!

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