Im Zug durch Indien

Im Zug durch Indien

Eindrücke aus dem populärsten Transpormittel Inidens

Es ist noch dunkel, als wir den Bahnhof von Mumbai erreichen. Obwohl es schon 5.30 Uhr ist, scheint die Stadt noch zu schlafen. Auch in der Eingangshalle des Bahnhofs und auf den Perrons liegen überall schlafende Menschen verstreut auf dem Boden. Man muss acht geben, dass man nicht über sie stoplert. Sie sind zugedeckt mit einer weit über den Kopf gezogenen Wolldecke – es ist frisch in den frühen Morgenstunden in Mumbai. Nach kurzer Suche finden wir unseren Zug, der uns nach Aurangabad bringen soll. Das Zweitklass-Ticket für die 7 stündige Fahrt haben wir zwei Tage zuvor für umgerechnet 4 Franken gekauft. Beim Anblick des Zuges erschrecke ich: In diesem „Lotterding“ sollen wir die nächsten sieben Stunden verbringen? Sofort spiele ich mit dem Gedanken, ein neues Ticket für die erste Klasse zu kaufen, verwerfe diesen dann aber wieder, da wir ja das „echte“ Indien erleben wollen. Und das geht halt wirklich nur in der einfacheren günstigeren Klasse.

Überfüllte Wagen

Der Zug rollt los, zu unserer Überraschung eine Minute früher als es der Fahrplan verlangt. Er ist noch halb leer. Geschäftstüchtige Verkäufer laufen durch die Wagen und versuchen lautstark „Chai“, also Tee an die noch wenigen Passagiere zu verkaufen. Erst beim zweiten Stop, einem Vorort von Mumbai, beginnt sich der Zug richtig zu füllen: Passagiere aller Schichten und Religionen drängen sich durch die Türen. Inder im Turban, Damen in Burkas, sauber rasierte Geschäftsmänner mit Aktenkoffern… Ein kleiner Vorgeschmack dessen, was noch auf uns zukommt: Zwei Stunden später ist der Zug zum Bersten gefüllt. Jeder Platz ist besetzt, und in den Gängen treten sich die unzähligen stehenden Passagiere beinahe auf die Füsse. Ein paar junge Männer lehnen sich durch die offenen Türen in den Fahrtwind. Trotz des dichten Gedränges drücken sich immer wieder Verkäufer durch die Massen: Neben den üblichen Tee, Kaffe und Speisen kann man auch Mützen, Ohrringe, Handtaschen, Schulhefte und allen möglichen anderen Kram erwerben. Wir begnügen uns mit zwei Chais, und verzichten bewusst auf mehr: Um jeden Preis möchten wir vermeiden, die Zugs-Toilette benützen zu müssen.

Der Zug fährt durch ganz unterschiedliche Landschaften: trockene Hügel, Reisfelder, Sumpfgebiete oder Obstgärten. Am Horizont ziehen Berge an uns vorbei. Auf einem Acker pflügt ein Bauer mit seinem Ochsengespann. In der Zwischenzeit ist es angenehm warm geworden.

Keine Smartphones

Dass man bald in einer Stadt ankommen wird, merkt man am Abfall und den unzähligen Plastiktüten, die einem schon Kilometer im voraus begrüssen. Noch nie zuvor haben wir so viel Dreck gesehen wie hier in Indien. In schäbigen Hütten leben dien Menschen direkt an den Gleisen. Für uns ist es unvorstellbar, so zu wohnen.

Im Zug geht es weiter laut zu und her. Es fällt auf, dass praktisch niemand ein Smartphone in der Hand hat – man unterhält sich noch direkt, mit gesprochen Worten. Besonders interessant ist es, die verschiedenen Leute zu beobachten: Die mit einem leuchtend grünen Sari bekleidete Mutter, die schweigend ihr Baby im Arm hält und kritisch ihre Umgebung beäugt. Wie viele Inderinnen trägt auch sie einen grossen Goldstecker durch die Nase und einen roten Punkt auf der Stirn. Der alte bärtige Mann in seiner traditionellen Kleidung, der soeben von einem Händler eine viel zu moderne Wollmütze gekauft hat, die überhaupt nicht zu seinem Erscheinungsbild passt. Der in orange Tücher gewickelte Bettler, der buchstäblich am Bettelstab durch den Zug humpelt und die Passagiere um Kleingeld bittet. Und all die anderen Passagiere – typische Inder, aber doch jeder völlig anders als die anderen. Wir werden immer wieder angestarrt, aber nie angesprochen. Als einzige Touristen fallen wir auf.

Es riecht stark…

Und dann sind da die verschiedensten Gerüche in der Luft, die nur schwer zuzuordnen sind. Die meisten davon stammen wahrscheinlich von Essen, das überall um uns herum eingenommen wird – und woher die anderen kommen, möchten wir gar nicht erst wissen. Es ist sicher kein Nachteil, dass Fenster und Türen offen sind, und somit immer frische Luft reinströmt.

Zugegeben: Diese Zugfahrt ist wahrscheinlich eine der unbequemsten, die wir je hatten. Aber dafür ist sie authentischer und spannender als jede geführte Touristentour durch irgendeine Sehenswürdigkeit. Das ist Leben – das ist Indien! Zweite Klasse – aber erste Reihe!

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