Tu Gutes und sprich darüber…

Englischunterricht für junge Nonnen und Mönche in Sagaing Hill/Myanmar

 Auf einer privat geführten Tour durch die Vororte von Mandalay sind wir mehr oder weniger zufällig in einer Klosterschule für Waisenkinder und Kinder aus ärmsten Familien Myanmars vorbeigekommen. Die äusserst fotogenen kleinen Novizen und Nonnen in ihren farbigen Kutten haben uns sofort fasziniert. Auf den zweiten Blick war aber schnell zu erkennen, dass viele der Kinder krank sind. Nachdem wir uns beim Schulleiter über die Geschichte der Schule und die Schicksale der Kinder informiert haben, stand für uns ziemlich bald klar: Wir möchten gerne an diesem Ort bleiben, hier arbeiten und „etwas Gutes tun!“ Wenige Tage später waren wir zurück und haben unsere Tätigkeit aufgenommen.

DSC_7196

Die meisten Kinder, die hier zur Schule gehen, haben kein Zuhause. Sie kommen ursprünglich aus ganz Myanmar und wurden von Verwandten oder Bekannten bei der Schule abgegeben, mit der Bitte, sie aufzunehmen. Gegründet wurde die Schule im Jahr 2003 von „Pontschi“, einem Buddhistischen Mönch. Waren es im Jahre 2003 gerade mal 31 Schüler, sind es in der Zwischenzeit knapp 2100. Das Problem: Fehlende Infrastruktur, fehlende Unterkünfte, fehlendes Schulmaterial… und vor allem: fehlende Lehrkräfte! Aus diesem Grund haben wir gleich am ersten Morgen je eine Klasse mit 40 – 60 Kindern übernommen, um ihnen Englischunterricht zu erteilen.

DSC_7318

Zugegeben: so völlig unvorbereitet vor knapp 60 erwartungsvollen kleinen Novizen und Nonnen in einem überfüllten, stickigen Klassenzimmer und ohne Wandtafel und Schreibmaterial zu stehen, war auch für mich als erfahrener Lehrer eine ziemlich grosse Herausforderung! (Dass dies auch für Vero als Pflegefachfrau nicht gerade einfach war, muss nicht betont werden…) Glücklicherweise wurde im Verlauf des Morgens noch ein altes „Whiteboard“ und zwei Schreiber herbeigeschafft – der Unterricht konnte also beginnen.

Vero hat die 12 – 14 jährigen Kinder unterrichtet, meine waren 15 – 18 Jahre alt. Die Arbeit war ein echtes Vergnügen. Die Kinder waren äusserst lerneifrig, motiviert, diszipliniert – und vor allem dankbar! Ein Beispiel: Nach jeder Unterrichtseinheit standen die Schüler auf und sprachen im Chor: „Thank you, teacher.“ Und praktisch nach jeder Stunde kamen Schüler vorbei, wollten etwas nochmals erklärt haben, stellten Fragen oder verlangten Zusatzaufgaben. Wenn wir morgens aus unserer Unterkunft traten, riefen uns die Kinder von weitem zu: „Good morning, teacher!“, und begleiteten uns auf unserem Weg ins Klassenzimmer. Trugen wir etwas bei uns, wurde es uns sofort von den Kindern abgenommen und getragen mit den Worten: „Me help you, teacher!“ Als wir einmal eine Stunde vor Nachmittags-Unterrichtsbeginn am Mittagessen waren, klopfte Veros Klasse an unsere Türe mit der Frage, ob sie nicht schon jetzt mit dem Unterricht beginnen könne. Immer wieder wurden wir von unseren „Kids“ mit kleinen Geschenken wie Schmuck oder Zeichnungen überrascht.

Wenn wir morgens aufstanden, waren die Kinder bereits am lernen. Und wenn wir abends gegen 23 Uhr ins Bett gingen, hörten wir die Schüler lautstark ihre Vokabeln, Texte etc. auswendig lernen.

DSC_7201

Die jungen Novizen und Nonnen wohnen entweder in den umliegenden Klöstern oder in der Schule selbst. Sie führen bereits als Kinder den harten Lebensstil der „grossen“ Mönche, sprich: morgens zwischen 4 und 5 Uhr aufstehen, beten, dann auf Betteltour gehen… dann folgt der Unterricht. Wer nicht im Kloster wohnt, wohnt in der Schule: Etwa 20 Kinder wohnen und schlafen in jedem Schulzimmer. Natürlich auf dem Boden – Betten gibt es keine. Und Privatsphäre ist sowieso ein Fremdwort. 2100 Kinder teilen sich gerade mal 20 WC’s. Auch unsere Unterkunft war ganz schlicht: Wir hatten zwar einen eigenen Raum in einem kleinen Häuschen auf dem Schulgelände, aber auch wir schliefen auf dem Boden, den wir uns mit zahlreichen Ameisen und anderen Insekten teilten.

Unsere Unterkunft

Unsere Unterkunft

Interessant war unser Fortschritt im Bereich Ekel-Überwindung: Unsere „Dusche“ war ein Waschbecken, gefüllt mit Wasser aus dem vorbeifliessenden Fluss. Trauten wir uns anfangs kaum, dieses Wasser auf unsere nackte Haut zu giessen, duschten wir uns am Schluss damit wie wenn es frisches Quellwasser wäre.Besonders gestaunt haben wir, als uns Bobo erklärt hat, dass viele Menschen in Myanmar genau dieses bräunliche Wasser auch als Trinkwasser benutzen. Aber wer ist Bobo? Bobo ist eine junge Frau, die seit drei Jahren mit viel Idealismus und Aufopferung für diese Schule arbeitet. Ihr Lohn ist weit unter den Durchschnittslöhnen Myanmars, doch das ist ihr egal: Sie sieht Sinn in ihrer Tätigkeit, und das macht sie glücklich. Geregelte Arbeitszeiten? Wochenende? Ferien? Kennt sie nicht. „Die Kinder und die Schule brauchen mich!“ (Es ist genau diese Art von Idealismus, die uns an dieser Schule so fasziniert!) Bobo war während dieser Zeit unsere Ansprechsperson und hat uns praktisch rund um die Uhr betreut. Besonders beeindruckend waren die Ausflüge mit ihr zu ihrer Familie, auf die Märkte und in die umliegenden Dörfer – dadurch hatten wir das Glück, Myanmar in seiner authentischsten Form kennen zu lernen.

DSC_7149

Speziell schön war der Kontakt zu unseren Schülern: Als wir in Yangon das erste Mal buddhistischen Mönchen begegneten, wussten wir nicht richtig, wie man sich ihnen gegenüber verhalten soll. Auch unseren Schülern gegenüber hatten wir am Anfang grossen Respekt. Aber irgendwann wurde klar, dass auch sie nur Menschen sind. Schnell ist das Eis gebrochen und wir lachten viel zusammen oder sprachen über Fussball (praktisch alle Jungs sind Fan von Manchester United). Einmal hat mir ein Novize voller Freude sein ManU-T-Shirt gezeigt, das er heimlich stolz unter seiner Kutte trug. Besonders erfreulich war, wie unsere Schüler Fortschritte machten in Englisch. Nach ein paar Trainings trauten sie sich bereits, aktiv auf Touristen zuzugehen und sie mit Fragen zu löchern – was auch für die Touristen ein interessantes Erlebnis war. (Auf die Frage, welches der beste Fussballclub ist, antworten „meine“ Jungs per sofort nicht mehr mit „Manchester United“, sondern mit „FC St. Gallen, of course!“)

DSC_7599

Während dieser Zeit lernten wir viel über den Buddhismus und das Leben als Mönch/Nonne. „Pontschi“ gewährte uns das Privileg, dass er uns als Gäste an verschiedene religiöse Zeremonien einlud, die wir als „normale“ Touristen sonst nie gesehen hätten.

DSC_7707

Der Abschied von der Schule war schwer – für uns, wie auch für unsere Klassen. Hunderte von Abschiedsfotos wurden geknipst, Abschiedsgeschenke ausgetauscht und Tränen vergossen. Am letzten Abend wurden wir von der Schule nahestehenden Personen insgesamt 4 Mal zum Essen und am nächsten Morgen gleich noch zum Frühstück eingeladen. Die Dankbarkeit und Wertschätzung war beispiellos!

DSC_7930

Die Schule, die Kinder und Myanmar sind uns wirklich ans Herz gewachsen! Für uns ist klar, dass wir die Schule auch in Zukunft unterstützen wollen: Nicht mit Worten, sondern vor allem mit Taten. Diese Kinder haben nur dann eine sichere Zukunft, wenn sie eine Schulbildung haben.

Unser nächster Schritt ist u.a. der Aufbau einer Internetseite für die Schule mit den wichtigsten Informationen & Möglichkeiten zum Geld spenden (die Schule finanziert sich ausschliesslich durch Spenden).

Möchtest du mehr erfahren oder sogar etwas spenden? Unter der Rubrik „Schule Myanmar“ findest du weitere Informationen. (Die Internetseite sollte ca. Mitte Dezember aufgeschaltet sein.)

DSC_6480

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s