Unser schrecklichstes Wandererlebnis

Eigentlich waren wir ja vorgewarnt. Aber dass es so schlimm werden könnte, hätten wir uns nie träumen lassen…

Südkorea ist ein sehr gebirgiges Land. Zwar ist der höchste Gipfel, Mount Hallasan, „nur“ gerade 1950 m hoch, dafür sind Berge und Hügel über das ganze Land verteilt. Kein Wunder, dass wandern also der Volkssport Nr. 1 ist in Korea.

Auch die Hauptstadt Seoul ist umgeben von Bergen. Unser „Gastvater“ hat uns an einem Sonntag auf eine Tour in die Seouler Berge mitgenommen. Die Wanderung in der milden Herbstsonne war wunderschön , die Aussicht auf die Stadt gigantisch. Das einzige Manko waren die unzähligen Menschen, die sich im wahrsten Sinne des Wortes auf den Gipfel drängten. Mit Sätzen wie „wir sind halt in der Hauptstadt“, „es ist Wochenende“ oder „die Leute möchten vom guten Wetter profitieren“ versuchten wir dieses für uns ziemlich neue Phänomen zu erklären.

Seoul von oben

Seoul von oben

Nur zwei Tage später, an einem Dienstag, besuchten wir den Seoraksan Park, Koreas wohl bekanntesten Nationalpark, um dort eine Wanderung zu machen. Im Touristeninformationsbüro erkundigten wir uns, wie wir den richtigen Weg finden. Die Antwort der jungen Dame war ganz simpel: „Einfach den Menschen folgen!“ Wie recht sie doch hatte…

In Scharen kamen die Wanderer zum Eingang des Nationalparks gelaufen. Reisecars, so weit das Auge reicht, gefüllt mit Reisegruppen aus Korea, China und Japan, die sich alle durch das Eintrittstor zum Park drängten. Der Anfang der Wanderung war ein reines „Schwimmen in der Masse“. Die grösste Gefahr bestand darin, sich in diesem Menschenmeer aus den Augen zu verlieren. Irgendwann wurde aus dem Strom eine Viererkolonne, die brav die perfekten Stufen des Wanderweges (meist sind es Treppen) entlangschritt. Überholen war ein Ding der Unmöglichkeit. Kein Wunder, dass man sich immer wieder gegenseitig auf die Füsse stand und das eine oder andere böse Wort fiel. Ein Gedränge, wie wir es nur von Popkonzerten oder der Streetparade kennen. Wandern als Erholung? Nicht hier!

Nationalpark-Eingang

Nationalpark-Eingang

Je höher es aufwärts ging, desto schmaler wurde der Weg. Von nun an hiess es, brav in Einerkolonne auf der rechten Seite aufwärts zu laufen. Einerkolonne deshalb, weil auf der linken Seite die Wanderer in Einerkolonne wieder den Berg runter kamen. Mal „hinter einen Baum“ aufs WC zu gehen gibt es hier nicht: Erstens ist man bei so vielen Leuten auch hinter dem Baum nicht allein, und zweitens sind die perfekten Wanderwege mit Geländern so gut gesichert, dass man gar nicht vom Weg weggehen kann. (An dieser Stelle muss jedoch erwähnt werden, dass es immer wieder saubere WC’s entlang des Weges gab.)

auf dem Weg nach oben

auf dem Weg nach oben

Eines muss man den Koreanern lassen: Ihre Wanderausrüstungen sind so perfekt, da könnte jeder gleich auf den Mount Everest damit. (Leider hatten wir aber den Eindruck, dass bei den meisten die Kondition nicht einmal fürs Hörnli reicht.)

Seoraksan National Park

Seoraksan National Park

Nach knapp drei Stunden Kolonnen-Wandern haben wir endlich den Gipfel erreicht. (Alleine wäre es wahrscheinlich eine einstündige Wanderung gewesen.) Oben angekommen, stellen wir uns in die Schlange, und warteten geduldig, um das obligatorische Gruppenfoto zu schiessen. Vor lauter Menschen war fast nicht zu erkennen, welches nun eigentlich der Gipfel ist. Einfach nur schrecklich!

das Gipfelfoto

das Gipfelfoto

Nicht schlecht gestaunt haben wir, als wir auf dem Berg drei Nonnen in ihren schlichten Kleidern und Turnschuhen trafen: Abgesehen von uns wohl die einzigen, die den Berg ohne teure Wanderkleider bezwungen haben.

ein eher unübliches Gipfelfoto

ein eher unübliches Gipfelfoto

Unser Fazit:

– Wer in den koreanischen Nationalparks im Herbst Ruhe und Erholung sucht, ist definitiv falsch am Platz! Es sei denn, man wagt sich an eine der über 8-stündigen Routen und man startet wirklich früh am Morgen.

– Wer sich darüber nervt, wenn er an einem sonnigen Oktobersonntag an der „Himmelsleiter“ am Säntis 10 Minuten anstehen muss, für den sind die koreanischen Berge definitiv die Hölle (obwohl es da auch Nonnen gibt).

– Trotz des gewaltigen Touristenansturms sind die koreanischen Nationalparks äusserst sauber, gepflegt und sehenswert. Respekt vor dieser Leistung! (Das Problem ist einfach, dass sie im Herbst am schönsten und somit tagtäglich überlaufen sind.)

Am nächsten Tag haben wir uns dann für die 9 stündige Wanderung über den dritthöchsten Berg Südkoreas entschieden und sind bereits morgens um 6 losgelaufen. Das war definitiv die bessere, schönere und vor allem ruhigere Variante.

Seoraksan National Park

Seoraksan National Park

Seoraksan National Park

Seoraksan National Park

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