In der Transsibirischen Eisenbahn

Man sitzt einfach nur da am Fenster. Oder man steht. Und sieht hinaus. Hinaus, in die endlose Weite Sibiriens. Die Landschaft zieht an einem vorbei. Von Abwechslung kann nicht unbedingt die Rede sein: Birkenwälder, leere Grasflächen, Birkenwälder… ab und zu wieder ein Fluss, ein kleiner See oder ein Dorf. Auffallend sind die milchgrünen oder hellblauen Fenster der Dacias. Anscheinend soll Gott diese Farben besonders lieben. Deshalb streichen die Einwohner die Fenster ihrer Häuser damit an, damit Gott öfters „hineinschaut“ und dadurch Frieden ins Haus bringt. Die Häuser sind klein, meistens aus Holz. Und immer wieder stellen wir uns die Frage: Wie halten die Leute den über – 40 Grad kalten Winter überhaupt aus? Besonders gut isoliert scheinen diese alten Häuser nicht zu sein! Wenn wir einem Russen erzählen, dass es bei uns im Winter manchmal bis – 10 Grad kalt ist, dann lächeln sie nur. Ihnen scheint die Kälte hier überhaupt nichts auszumachen. Im Gegenteil: Sie scheinen sie sogar zu lieben, noch mehr als die weit über 30 Grad heissen Sommer. (In Sibirien gibt es Orte, wo es zwischen Sommer und Winter ein Temparaturunterschied von 100 Grad geben soll.)

 

Es riecht nach Nudelsuppe. In jedem Wagen gibt es einen Wasserhahn, wo man rund um die Uhr heisses Wasser holen kann. Da die meisten Reisenden mehrere Tage am Stück im Zug verbringen, werden auf dieser Strecke täglich wohl Tausende von diesen Fertig-Nudelgerichten verschlungen. Und Tee getrunken. Wer etwas anderes dabei hat, wie Wurst, Chips oder Kekse, teilt dies immer mit seinen Abteil-Nachbarn. Dies scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein.

Zwischendurch riecht es nach Vodka. Aber weitaus weniger, als wir erwartet haben. Wird man von den Russen auf ein Glas eingeladen, muss man als ungeübter Trinker ein wenig vorsichtig sein: Fängt man erst einmal an, ist es äusserst unhöflich, mit dem Trinken aufzuhören, bis die Flasche leer ist: „Drink, my friend! Russian Tradition!“ (Wenn es niemand sieht, ist hilfreich, einen Teil des Glasinhalts einfach auf den Teppich auszuschütten.) Überhaupt kommt man sehr schnell in Kontakt mit anderen Reisenden. Ob auf den Bahnsteigen während den kurzen Bahnhof-Aufenthalten, auf dem Gang (beim „zum Fenster hinaus schauen“) oder im Abteil selbst. Es ist ein friedliches Miteinander, ein tolerantes „Leben und Leben lassen.“ Schade nur, dass wir kein Russisch sprechen. Es gibt vieles, das uns interessieren würde. Und Zeit zum Reden hätte man ja mehr als genug. Aber es genügt auch, ganz einfach zum Fenster raus ins Grüne zu schauen und ein wenig zu träumen und nachzudenken. Aber über was? Über die Birkenwälder? Die Taiga oder Tundra, die man schon gesehen hat, oder sonst garantiert noch sehen wird? Spielt auch gar keine Rolle. Es sind auf jeden Fall entspannte Gedanken – das Grün hat eine sehr beruhigende, ausgleichende Wirkung. Obwohl man den ganzen Tag nichts anderes tut als aus dem Fenster zu schauen, essen, schlafen, plaudern und lesen, wird es keine Sekunde langweilig. Die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn ähnelt einer Fahrt in einem Dampfschiff über den Ozean. Einfach mit dem Unterschied, dass die Umgebung statt blau grün ist, und man – abgesehen vom Vodka – nicht absaufen kann.

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